‚All that could have been‘ – auf den ersten Blick wirkt die Installation von Julia Bünnagel in der Galerie Sebastian Brandl weit manifester als diese konjuktivische Aussage: Im vorderen Raum hat die Künstlerin über 150 schwarz lackierte Glasplatten im Format von 45 x 30 cm aufgebracht. Die Platten bedecken, regelmäßig und streng rechtwinklig platziert, unterschiedliche Partien der Wände, ihre geometrisch präzise Anordnung und kühle Materialität verleiht ihnen zunächst die hieratische Aura einer minimalistischen Plastik. Doch der Eindruck des strengen So-Gesetztseins löst sich bei näherem Hinsehen auf und mit der eigenen Bewegung im Raum kommt auch Bewegung in das statische Gefüge. Die Segmente sind nicht plan auf der Wand befestigt, sondern schweben etwa zwei Zentimeter davor. Durch die fluoreszierend grüne Lackierung ihrer Rückseite löst sich die Mauer hinter ihnen zu einer farbig leuchtenden zweiten Ebene auf, die den Galerieraum entgrenzt und vor der die einzelnen Elemente der Verkleidung zu schweben scheinen. Das Leuchten verstärkt sich in den Fugen und lässt die exakt parallelen Kanten der Platten verschwimmen. Bei aller Akkura- tesse erzielt Bünnagel keine perfekte Illusion des Schwebens, die Anbringung der Platten bleibt durch den Abstand von der Wand aus der seitlichen Ansicht ersichtlich und entlarvt die Konstruktion. Die Scheiben auf den sich gegenüberlie- genden Wänden spiegeln in einem gedoppelten Effekt nicht nur ihre eigenen Pendants mit den lichten Zwischenlinien, sondern auch alles, was sich wiederum darin reflektiert. Trotz der Fixiertheit der plastischen Elemente entsteht eine dynamische Korrespondenz mit den Partien vis-à-vis, mit dem Umraum, den sich darin bewegenden Betrachtern und dem veränderlichen Lichteinfall. Dieses dialogische Prinzip kennzeichnet alle Arbeiten Julia Bünnagels. Sie wählt die Proportion ihrer Werke jeweils in Abhängigkeit zu den Raumgegebenheiten und gleichzeitig auch noch so körperbezogen, dass ein Hantieren mit den Formaten praktikabel bleibt. In älteren Installationen hat die Künstlerin eher einen Raum gebaut für etwas – zum Beispiel als Gefäß für die Konzentration oder Resonanzraum für einen Sound, der manchmal fest mit der Skulptur liiert, gelegentlich mehr einem bestimmten Raumgefühl assoziiert eingesetzt wird. In zunehmendem Maß sind ihre Konstruktionen der Umgebung geöffnet worden, haben die einzelnen Komponenten der Plastiken, ob MDF- , Glasplatten oder Holzleisten, den Charakter von Vektoren erhalten, die von der Arbeit weg in den Raum weisen, ihn in einen Dialog mit der Plastik zwingen. Das Modulare der einzelnen Bestandteile ihrer Plastiken weckt nicht nur die Vision von einer stets möglichen räumlichen Erweiterung, sondern transportiert auch eine zeitliche Komponente von Veränderung und Dynamik. Das Umlaufen der Arbeiten von Julia Bünnagel führt zu einer mehrdeutigen Verschiebung der Perspektive und entwickelt nicht nur eine visuell veränderte Wahrnehmung, sondern parallel auch eine Chronologie der möglichen Ereignisse. Im Titel ‚All that could have been‘ ist dieser zeitliche Aspekt schon angedeutet: Die Reflexionen der ‚gelackten‘ Glaso- berflächen zitieren das spezifische ästhetische Vokabular einer urbanen Nachtsituation, die Verschiebung der Dimensi- onen, die der Passant beim Durchlaufen oder -fahren der nächtlichen Stadt erlebt. Die Künstlerin stülpt den Galerieraum virtuell nach draußen, öffnet ihn zum nächtlichen Außenraum mit seinen Spiegelungen der Fensterraster, den Entgren- zungen und Verzerrungen der Häuserkuben im Passieren. Sie schafft damit Ebenbilder, die aus der genauen Beob- achtung von Architektur und Psychologie der städtischen Umgebung entstehen, denn im reflexionsbedingten Bruch der Glasoberflächen ist der Verweis enthalten, dass auch die schweigenden nächtlichen Fassaden eine ‚Ebene dahinter‘ (ver)bergen: Die Stadt ist belebt, bewohnt, genutzt und wird sich angeeignet von lebenden Wesen. Hinter den Fassa- den spielen sich Schicksale ab, werden Manifestationen infrage gestellt, Geschichten neu erfunden, erinnert, weiter gedacht. 1972 veröffentlicht Italo Calvino ‚Unsichtbare Städte‘, eine Sammlung poetischer Stadtentwürfe. Der Schriftsteller ent- wirft darin Bilder von Städten, die hätten sein können oder die sich in den realen Städten, exemplarisch in Venedig, verbergen. Skizzen von Städten, die inzwischen unsichtbar sind wie die historischen Sedimente unter den existierenden Metropolen, verlorene, erinnerte, erträumte und der subjektiven Wahrnehmung entsprungene Stadtbilder. Auch Julia Bünnagel steckt in ihrer Ausstellung ‚Territory‘ ein utopisches Gebiet ab, das nicht scharf umrissen, sondern spielerisch skizziert wird. Im hinteren Raum hängt ein Plakat der Künstlerin mit dem Titel ‚Utopia ist abgebrannt‘, verfremdet ist das Motiv mit Fragmenten einer zerstörten Stadt darauf zu erkennen. Eine Klapplandschaft ‚Otherland‘ aus miteinander durch Scharniere verbundenen MDF-Dreiecken setzt das modulare System der Glasplattenensembles fort und scheint wie dieses unendlich erweiterbar. Sie ermöglicht im wortwörtlichen Sinne die ‚Entfaltung‘ verschiedener räumlicher Modelle auf der Grenze zwischen Plastik und Architektur mit dem spielerischen Charakter eines Baukastens. Modelle fokussieren Aufmerksamkeiten und definieren unbeanspruchte Handlungsspielräume. Die Künstlerin verweist nie explizit, aber doch spürbar auf die modularen Stadtutopien eines Le Corbusier, Oscar Niemeyer und anderer Architekten sowie Science fiktionale Stadtkulissen wie aus ‚Blade Runner‘ oder ‚Das fünfte Element‘. Das Scheitern, das all diesen Utopien immanent ist, nimmt Julia Bünnagel zum Anlass, ihre Formalisierungen bewusst beim Fragmentarischen zu belassen und sich neue Territorien vielmehr experimentell als endgültig zu erschließen.

Birgit Laskowski

Der Text erschien zu der Ausstellung ‚Julia Bünnagel - Territory‘, Sebastian Brandl, Köln, 2008